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OSTLAB · WISSENSDATENBANK · 1975–HEUTE

Das Archiv

Fotos und Geschichten aus der Hip-Hop-Szene der DDR – durchsuchbar nach Themen, Orten und Jahren. Jeder Eintrag erzählt ein Stück Jugendkultur zwischen Freiraum und Kontrolle.

DDR-Kinoplakat zum Film „Beat Street" mit Graffiti-Schriftzug, 1985
Quelle: Progress Filmverleih (DDR), Kinoplakat zu Beat Street, 1985 (privat)

1985 · Kinos der DDR ·

„Beat Street" – Der Film, der Hip-Hop in der DDR bekannt machte

Auf dem Bild siehst du das DDR-Kinoplakat zum Film „Beat Street". Der US-amerikanische Film kam am 14. Juni 1985 in die Kinos der DDR und machte Hip-Hop erstmals einem breiten Publikum bekannt.

Ganz neu war Hip-Hop damals allerdings nicht. Bereits seit den frühen 1980er Jahren hatten einige Jugendliche über Westfernsehen, Radio oder Schallplatten erste Kontakte zu Breakdance, Rap, DJing und Graffiti. „Beat Street" sorgte jedoch dafür, dass sich die Kultur in kurzer Zeit in der ganzen DDR verbreitete und große Popularität gewann.

Die Geschichte spielt in der New Yorker Bronx und zeigt Breakdance, Rap, DJing und Graffiti als Ausdruck von Kreativität, Gemeinschaft und Selbstbestimmung. Mitproduziert wurde der Film von Harry Belafonte, einem international bekannten Sänger, Schauspieler und Bürgerrechtler, der auch in der DDR sehr beliebt war.

Seine sozialkritischen Inhalte wurden von der DDR-Führung zudem als Kritik an den gesellschaftlichen Problemen der USA verstanden. Das trug dazu bei, dass Hip-Hop in der DDR zunehmend akzeptiert wurde und sich die Szene weiterentwickeln konnte.

In zahlreichen Städten entstanden Breakdance-Crews, Rap-Gruppen und Graffiti-Teams. Jugendliche übten Tanzschritte, sammelten Musik und entwickelten ihre eigenen Ideen. So wurde „Beat Street" für viele zur Initialzündung einer Jugendkultur, die die DDR bis heute geprägt hat.

Die Breakdance-Gruppe „Dynamic Crew" tanzt im Haus der Metallarbeiter in Torgau, 1984
Fotografin: Erdmute Bräunlich · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Stiftung Fotoarchiv Bräunlich, Foto 033-017-184

1984 · Torgau ·

Breakdance in der DDR – Tanzen zwischen Freiheit und Kontrolle

Auf dem Foto siehst du die Breakdance-Gruppe „Dynamic Crew" aus Beilrode bei Torgau (Sachsen). Die Aufnahme entstand am 26. Oktober 1984 im Haus der Metallarbeiter in Torgau. Die Tänzer gehörten später zu den bekanntesten Breakdancern der DDR und wurden Ende der 1980er Jahre sogar DDR-Meister.

Breakdance kam Anfang der 1980er Jahre aus den USA in die DDR. Der neue Tanz begeisterte viele Jugendliche, wurde vom Staat aber zunächst kritisch gesehen. Wer öffentlich auftreten wollte, musste eine staatliche Prüfung (Einstufung) bestehen. Erst mit einer offiziellen Spielerlaubnis – unter Jugendlichen und Erwachsenen oft einfach nur „Pappe" genannt – waren Auftritte in Jugendclubs oder Diskotheken erlaubt.

Trotz vieler Regeln entwickelte sich in der DDR ab Mitte der 1980er Jahre eine lebendige Breakdance-Szene. Für viele Jugendliche war Hip-Hop mehr als nur Musik oder Tanz. Er bot Freiräume, Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken.

Breakdancer Ralf „Fly" Menzel posiert in Breakdance-Haltung, auf seinem Sweatshirt der selbst gemalte Schriftzug „Wild Style"
Quelle: Privatarchiv Ralf „Fly" Menzel

Mitte 1980er · Riesa ·

Kreativ statt käuflich – Hip-Hop zum Selbermachen

Auf dem Bild siehst du den Riesaer Breakdancer Ralf „Fly" Menzel. Mitte der 1980er Jahre posiert er in einer typischen Breakdance-Haltung. Besonders auffällig ist sein Sweatshirt mit dem großen Schriftzug „Wild Style". Das Besondere daran: Fly hat das Motiv selbst im Graffiti-Stil aufgemalt.

Originale Hip-Hop-Kleidung aus den USA oder Westeuropa war in der DDR kaum erhältlich. Deshalb wurden viele Outfits selbst genäht, gefärbt, bemalt oder umgestaltet. Ein einfaches Sweatshirt wurde zur Leinwand. Kreativität ersetzte Markenklamotten und verlieh jedem Outfit einen ganz eigenen Stil und echte Street Credibility.

Der Schriftzug „Wild Style" verweist auf den gleichnamigen US-Film von 1982, der als erster großer Hip-Hop-Film gilt. In der DDR lief er nie offiziell im Kino. Wer ihn damals über das Westfernsehen sehen konnte, gehörte zu den Glücklichen. Für viele Jugendliche wurde der Film zu einem der ersten starken Impulse für die entstehende Hip-Hop-Szene und inspirierte sie zu Breakdance, Graffiti, Rap und DJing.

Die BIG CITY BREAKERS treten beim VIII. Turn- und Sportfest in Leipzig auf, 1987
Fotograf: Bernd Heinze · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Bernd Heinze, Foto 006-035-242

1987 · Leipzig ·

Breakdance auf der großen Bühne

Auf dem Bild siehst du die BIG CITY BREAKERS – eine der bekanntesten Breakdance- und Hip-Hop-Formationen der DDR aus Leipzig – beim VIII. Turn- und Sportfest in Leipzig im Sommer 1987. Noch wenige Jahre zuvor galt Breakdance als westlicher Trend und wurde von Seiten der Partei- und Staatsführung kritisch beobachtet. Mit der wachsenden Popularität der Szene änderte der Staat jedoch seine Haltung. Als selbst ernannte „Sportnation" versuchte die DDR, den neuen Tanz in ihre Kultur- und Sportpolitik einzubinden.

Breakdance wurde offiziell als „Akrobatischer Schautanz" anerkannt. Tänzer konnten staatliche Einstufungen erhalten und bei Jugendfesten, Kulturveranstaltungen oder großen Sportereignissen auftreten. Der Staat hoffte, die Begeisterung vieler Jugendlicher für seine eigenen Ziele nutzen zu können.

Für viele B-Boys und B-Girls war das ein Zwiespalt. Die offizielle Anerkennung eröffnete neue Trainingsmöglichkeiten und öffentliche Auftritte. Gleichzeitig wurde versucht, eine ursprünglich unabhängige Jugendkultur in das sozialistische System einzugliedern.

Hip-Hop blieb deshalb in der DDR immer beides zugleich: Ausdruck von Kreativität, Gemeinschaft und Selbstbestimmung, aber auch Gegenstand staatlicher Kontrolle und Vereinnahmung.

Drei jugendliche Breakdancer bei der Eröffnung einer Ausstellung in einer Leipziger Galerie, 1985
Fotografin: Karin Wieckhorst · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Karin Wieckhorst, Foto 035-018-011

1985 · Leipzig ·

Plötzlich war Breakdance überall

Auf dem Bild siehst du die Eröffnung einer Ausstellung in einer Leipziger Galerie am 4. Juli 1985. Während die Veranstaltung eröffnet wird, stehen im Vordergrund drei jugendliche Breakdancer. Im Hintergrund verfolgen zahlreiche Besucherinnen und Besucher das Geschehen. Die Tänzer sind hier nicht das eigentliche Thema der Ausstellung – und genau das macht das Foto so spannend.

Das Foto entstand nur wenige Wochen nach dem Kinostart von „Beat Street" in der DDR. Der Film hatte eine enorme Begeisterung ausgelöst. Plötzlich wollten viele Jugendliche selbst tanzen, Musik machen oder mehr über Hip-Hop erfahren. Breakdance war in aller Munde.

Die neue Jugendkultur war so beliebt, dass Breakdancer nicht nur bei eigenen Veranstaltungen auftraten. Auch Ausstellungen, Stadtfeste oder Kulturveranstaltungen luden sie ein. Die Tänzer sorgten für Aufmerksamkeit, zogen Publikum an und verliehen den Veranstaltungen einen modernen und besonderen Charakter.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich Hip-Hop von einem neuen Trend zu einem festen Bestandteil der Jugendkultur in der DDR.

Jugendliche Breakdancer tanzen zwischen Passanten in der Mädler-Passage in Leipzig, 1985
Fotograf: Mahmoud Dabdoub · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub, Foto 029-027-049

1985 · Leipzig ·

Die Straße wird zur Bühne

Auf dem Bild siehst du jugendliche Breakdancer in der Mädler-Passage in Leipzig im Jahr 1985. Sie tanzen mitten in der Stadt, zwischen Passantinnen und Passanten. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals etwas Besonderes. Öffentliche Plätze wurden zu Treffpunkten einer neuen Jugendkultur und zu Bühnen für Musik, Bewegung und Gemeinschaft.

Mit der schnell wachsenden Hip-Hop-Szene entstanden überall neue Orte zum Üben, Austauschen und Auftreten. Viele Jugendliche probierten aus, wie weit sie gehen konnten und wo die Grenzen lagen. Sie machten öffentliche Räume zu ihren eigenen und zeigten selbstbewusst ihren Tanz, ihren Stil und ihre Begeisterung für Hip-Hop.

Das blieb auch den Behörden nicht verborgen. Die Staatssicherheit beobachtete die Treffen in der Mädler-Passage und hielt sie in Berichten fest. Auffällige Kleidung, Kassettenrekorder und spontane Breakdance-Auftritte wurden mit Misstrauen betrachtet. Dennoch entwickelte sich der Ort zu einem der bekanntesten Treffpunkte der Leipziger Szene.

Hahny’s Break Crew beim DDR-offenen Breakdance-Turnier im Jugendklubhaus „Ossietzky" in Hoyerswerda, 1987
Quelle: Privatarchiv Heiko „Hahny" Hahnewald

1987 · Hoyerswerda ·

Vom Straßentanz zum Wettkampf

Auf dem Bild siehst du Hahny’s Break Crew beim DDR-offenen Breakdance-Turnier am 7. Februar 1987 im Jugendklubhaus „Ossietzky" in Hoyerswerda. Solche Wettbewerbe gehörten zu den Höhepunkten der DDR-Breakdance-Szene und brachten Tänzerinnen und Tänzer aus vielen Städten zusammen.

Die Crew wurde Ende 1984 von Heiko „Hahny" Hahnewald in Meißen gegründet. Er entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten Breakdancer der DDR. Beim Turnier in Hoyerswerda wurde er als bester Solotänzer ausgezeichnet. Ein Jahr später gewann seine Crew die erste und zugleich letzte offizielle DDR Championship im Leipziger Haus Auensee.

Mit den Turnieren versuchte der Staat, die wachsende Hip-Hop-Szene in geregelte Bahnen zu lenken. Jugendklubs wurden zu Austragungsorten offizieller Wettbewerbe, bei denen Technik, Kreativität und Akrobatik bewertet wurden. Für viele B-Boys und B-Girls waren diese Veranstaltungen jedoch weit mehr als Wettkämpfe. Sie boten die Möglichkeit, sich mit anderen Crews zu messen, voneinander zu lernen und Teil einer lebendigen Szene zu sein.

Lachende Jugendliche in FDJ-Blauhemden beim „Treffen der Freundschaft" zwischen DDR und Polen, 1986
Fotograf: Mahmoud Dabdoub · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Mahmoud Dabdoub, Foto 029-027-0125

1986 · DDR / Polen ·

Jugend bleibt Jugend

Dieses Foto entstand 1986 beim „Treffen der Freundschaft" zwischen Jugendlichen aus der DDR und Polen. Organisiert wurde die Begegnung von der FDJ. Die jungen Menschen tragen das typische Blauhemd der Organisation und nehmen an einer offiziellen Veranstaltung teil.

Doch wenn man das Bild genauer betrachtet, rückt die Politik plötzlich in den Hintergrund. Man sieht lachende Jugendliche, die miteinander unterwegs sind und den Moment genießen.

Worüber sie gesprochen haben, wissen wir nicht. Vielleicht ging es um Musik, Lieblingsbands oder die neuesten Breakdance-Moves. Vielleicht fragte jemand, woher die coole Hose kommt, ob man sich eine Kassette überspielen kann oder ob man sich nach dem offiziellen Programm noch irgendwo trifft.

Jugendliche waren auch in der DDR neugierig, verliebten sich, suchten Freundschaften, wollten dazugehören und einfach eine gute Zeit haben. Sie probierten sich aus, machten Fehler, entdeckten Neues und suchten ihren eigenen Platz in der Welt.

Gerade darin liegt vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Fotos: Hinter Uniformen, Organisationen und politischen Symbolen standen immer Menschen. Mit Träumen, Unsicherheiten, Hoffnungen und ganz alltäglichen Wünschen.

Geschichte besteht deshalb nicht nur aus Politik. Sie besteht vor allem aus den Geschichten der Menschen, die sie erlebt haben.

Kinder der Pionierorganisation mit Halstüchern bei der Maidemonstration auf dem Torgauer Markt, 1975
Fotografin: Erdmute Bräunlich · Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig / Stiftung Fotoarchiv Bräunlich, Foto 033-012-067

1975 · Torgau ·

Jugend zwischen Gemeinschaft und Erwartungen

Auf dem Bild siehst du Kinder der Pionierorganisation während der Maidemonstration auf dem Torgauer Markt am 1. Mai 1975. Mit ihren Halstüchern und bunten Tüchern nehmen sie an einem der wichtigsten staatlichen Feiertage der DDR teil. Hinter ihnen stehen weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie zahlreiche Zuschauer.

Für viele Kinder und Jugendliche gehörten solche Veranstaltungen ganz selbstverständlich zum Alltag. Schulen, Betriebe und Jugendorganisationen beteiligten sich an den großen Umzügen. Der Staat wollte damit Gemeinschaft zeigen und gleichzeitig seine politischen Werte vermitteln.

Fast alle Kinder waren zunächst Jungpioniere, später Thälmann-Pioniere und viele Jugendliche anschließend Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Offiziell war das freiwillig. In der Praxis wurde die Teilnahme jedoch häufig erwartet. Wer nicht mitmachte, fiel auf und musste mit Nachteilen rechnen.

Viele Kinder verbinden mit der Pionierzeit Erinnerungen an Ferienlager, Ausflüge oder gemeinsame Aktivitäten. Gleichzeitig waren die Pionierorganisation und später die FDJ zentrale Instrumente der DDR, um Kinder und Jugendliche früh im Sinne der sozialistischen Staatsideologie zu erziehen. Gemeinschaft, Disziplin und politische Loyalität sollten von klein auf vermittelt und als selbstverständlicher Teil des Alltags verankert werden.

OSTBRONX-Wortmarke im Graffiti-Stil
OSTBRONX | NEWKID e.V. · Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Bundesstiftung Aufarbeitung

Heute · Dessau-Roßlau ·

OSTBRONX – Geschichte erleben. Zukunft gestalten.

OSTBRONX ist ein Bildungsprojekt des NEWKID e. V. aus Dessau. Im Mittelpunkt steht die Geschichte von Hip-Hop in der DDR und die Frage, was sie uns heute noch erzählen kann.

Die mobile Ausstellung zeigt, wie Jugendliche trotz staatlicher Kontrolle eigene Freiräume schufen. Mit Breakdance, Graffiti, Rap und DJing entwickelten sie eine Kultur, die von Kreativität, Gemeinschaft und Selbstorganisation geprägt war.

OSTBRONX verbindet historische Originale, Zeitzeug:innen, interaktive Medien und Workshops. Dabei geht es nicht nur um Vergangenheit. Die Ausstellung lädt dazu ein, über Freiheit, Teilhabe, Demokratie und kulturelle Vielfalt nachzudenken und die Verbindung zwischen damals, heute und morgen zu entdecken.

NEWKID e.V. · Ferdinand-von-Schill-Str. 6 · 06844 Dessau-Roßlau · ostbronx.de · instagram.com/ostbronx